Street Art zum Futtern und Unterhosen mit Würstchen – HNRX im Interview

Liebe*r Leser*inn,

mein aller erstes Interview hab ich im Jahr 2016 geführt. Damals habe ich mich mit dem Street Art Künstler HNRX auf dem alten Gelände des Pfanni Werks (Kultfabrik) in München getroffen, der für seine poppigen lila Würstchen bekannt ist. Wie ich mich dabei so angestellt habe und was München für HNRX reizvoll macht, kannst Du jetzt in diesem Interview nachlesen. 

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LENA: Du machst schon einige Jahre Street Art und bist mittlerweile auch schon sehr erfolgreich, aber was hat dich überhaupt zum Sprayen gebracht?
HNRX: Das ist schwierig zu sagen. Ich weiß nicht, was mich daran so fasziniert hat. Ich habe damit angefangen, bevor es im Internet Infos gab. Davor habe ich nie irgendwelche Bilder gesehen, die mir gefallen haben und wegen denen ich angefangen hätte.  Mich hat eher begeistert, dass man mit einer Sprühdose malt.

Was genau begeistert dich an der Sprühdose?
Für mich ist das ein extrem praktisches Material. Das ist ein halber, Liter verpackt und jederzeit abrufbar. Da braucht man nicht schauen, dass es nicht eintrocknet, das ist genial. Einpacken, fertig, los geht’s.

War es eigentlich von Anfang an dein Plan, mit deiner Kunst Geld zu verdienen?
Ich mein, ohne Geld geht’s nicht, das ist schon klar, aber ich mach‘s in erster Linie nicht, um damit was zu verdienen. Ich dachte mir während der Schule schon immer, wie froh ich bin, wenn das vorbei ist. Gleich danach habe ich dann mit Street Art angefangen und nebenbei nichts anderes mehr gemacht. Ich will halt nix anderes machen, ob ich dann damit Geld verdiene oder nicht, ist so ein Nebeneffekt.

Wenn wir jetzt hier so übers Gelände laufen, sehe ich wirklich viele Werke von dir. Wo warst du denn schon überall unterwegs mit deiner Kunst?HNRX_Kultfabrik_I
Ich komm ja eigentlich aus Innsbruck, das ist quasi mein Hood, da findet man viele Sachen von mir. Aber ich war auch schon fast in ganz Europa. Eigentlich bin ich immer unterwegs und kaum Zuhause.

So zu leben hört sich schon ziemlich spannend an.
Klingt schon geil, aber manchmal ist es wirklich extrem anstrengend. Man ist ja nicht nur am trödeln und herumhängen, sondern will auch wirklich was schaffen. Aber wenn man dann mal Zeit hat sich hinzusetzten, zu reflektieren und Pause zu machen, dann ist es schon cool.

Aber manchmal ist der Prozess an sich schon ziemlich anstrengend oder?
So wie jetzt heute, nach einem halben Jahr in München, bin ich schon mal froh, wenn das abgeschlossen ist. Das war schon eine harte Zeit, es ist echt schwer in München Wände zu organisieren.

Auf dich aufmerksam geworden, bin ich durch die vielen kleinen ‚lila Wurscht‘ Sticker, die sich in den letzten paar Monaten in München wirklich explosionsartig ausgebreitet haben. Gibt es einen Grund, warum du in letzter Zeit so viel in München unterwegs bist?
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Ich mach momentan viel in München, weil‘s für mich recht interessant ist. Es gibt viele Street Art Künstler, auch viele gute, aber meiner Meinung nach gibt es im Vergleich zu anderen Großstädten weniger Aktivitäten. Man sieht es auch gerade an den Stickern. Wenn man nach Berlin fährt, braucht man keinen Sticker irgendwohin kleben, da ist man dann einer von siebentausend auf einer Laterne. In München ist es ähnlich wie in Innsbruck, wenn man da mal ein paar Sticker ‚verliert‘ dann fällt das schon auf. Wobei die Sticker ja nicht von mir verklebt werden. Die liegen aus und werden dann von irgendwelchen Leuten verklebt.

Was glaubst du, woran liegt das in München?
München ist eine Großstadt mit Kleinstadtcharakter finde ich. Wenn hier in der Szene irgendwas vorfällt, dann weiß das auf einmal jeder. Das geht hier ziemlich schnell. Was ich lustig finde, weil es ja doch 1,5 Millionen Einwohner gibt.

Gibt es einen Ort für dich, zu dem du zum Sprayen hin gehst und es dort dann trotz Arbeit ein bisschen wie Urlaub für dich ist?
Zum Malen sind für mich eigentlich nur die Plätze Urlaub, wo man ein bisschen abgeschottet von der Gesellschaft ist . Hier in der Kultfabrik zum Beispiel ist so ein Grenzbereich. Es ist zwar schon was los, aber man hat auch viel Platz für sich. An der Fraunhofer Unterführung dagegen ist es die Hölle, das hat wenig mit Urlaub zu tun. Da muss man schon die Stöpsel reinhaun um abschalten zu können. Aber es gibt auch Plätze wie zum Beispiel unter der Autobahn oder Abrisshäuser, wo einfach keine Sau ist. Du gehst da hin, machst das und keiner sieht‘s. Das ist dann Urlaub.

Gibt es einen Ort, wo du gerne mal zum Sprayen hin möchtest?
Ja, den gibt’s! In Belgien, Antwerpen, dort an der Küste gibt es eine Stadt, die heißt Doel. Das ist eine Geisterstadt, in der lebt nur noch ein einziger Einwohner. Da kann man mehr oder weniger noch alles anmalen. So eine Geisterstadt hat für mich Faszination.

Wie ist es denn für dich, wenn du jetzt hier stehst und siehst, dass das jetzt bald platt gemacht wird und die Kunst darauf, für die man so viel Zeit und Aufwand geopfert hat, verschwindet?
Naja, ich bin da recht wenig emotional gebunden. Ich glaub wenn du Künstler im öffentlichen Raum bist, rechnest du damit, dass es irgendwann weggemacht wird. Es ist ja irgendwie Ziel, dass es irgendwann verschwindet.

Du machst das also schon, mit dem Gedanken daran, dass es nur temporär ist?
Ja ich glaube es ist mitunter auch wichtig und entscheidend, dass der Wandel da ist. Nach ein, zwei Jahren verlieren die Werke irgendwie den Flair, weil es dann eh keiner mehr bewusst sieht. Aber man braucht ja auch Platz für Neues. Wenn immer alles stehen bleibt, wie in einem Museum, dann passiert ja nix.

Viele deiner Bilder sind keine Auftragsarbeiten und du musst die Materialien dafür selbst finanzieren, was kostet dich denn ein Werk auf einer großen Wand?
Also in München sind eigentlich alle Bilder, die ich bis jetzt gemalt hab, Eigeninitiative. Das ist dann alles ‚Selbstsponsoring‘. Eine Wand, also zum Beispiel die mit dem Fisch, das braucht so ca. 15 Dosen, was ungefähr 50 € entspricht, wenn die Wand nicht vorgrundiert werden muss. Aber für mich ist das ein Kostenfaktor, über den ich nicht nachdenke. Ich mach sonst dafür nicht viel. Ich geh nicht viel in Clubs und versauf mein Geld nicht, sondern hab einfach da mein Kostenlaster.
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Zigaretten dann vermutlich auch nicht?
Na, ich glaub meine Lunge hat schon genug Belastung am Tag!

Ist der Sprühnebel der Farben so gesundheitsschädlich?
Ja, auch wenn ich eine Atemschutzmaske trage. Man sollte schon ein bisschen auf die Gesundheit schauen. Die Haut atmet ja auch extrem viel mit. Da wird der Körper schon sehr belastet. Was man zum Beispiel total unterschätzt, sind Farbpigmente in den Augen. Beim Malen hat man ja den ganzen Sprühnebel, also die Pigmente, die durch die Luft fliegen. Wenn man das jeden Tag macht und kopfüber so große Fadings macht, da geht viel daneben. Für so Sachen hab ich jetzt mittlerweile auch eine Schutzbrille

Hast du eigentlich einen Lieblingskünstler?
Künstler wie zum Beispiel Salvador Dali, solche Künstler geben mir schon Impulse. Im Endeffekt kommt das immer wieder aus unterschiedlichen Richtungen. Es gibt auch ein paar Künstler im Street Art Bereich, die ich sehr interessant finde, oder die auch lange Zeit eine Vorbildfunktion hatten oder immer noch haben.

HNRX_BuchGibt es denn bei deinen eigenen Bildern eins, von dem du sagst, das findest du gut, das ist dir jetzt besonders gelungen?
Ich glaube die meisten Sachen die zuletzt entstanden sind, auch vor allem jetzt in München. Es ist ja meistens so, dass einem die aktuelleren Sachen mehr zusprechen, weil die älteren meistens überholt sind. Man merkt einfach, wie man sich weiter entwickelt und auch vom Flow her. Auch wenn‘s das gleiche Motiv ist, aber einfach die Umsetzung ganz anders ist. Ich glaub die Motivwahl ist bei mir recht eigen, aber die Technik ist nicht unbedingt was Neues. Gerade in dem Bereich Technik will ich mich noch mehr fokussieren. Ich hab jetzt in meinem neusten Video mit einem Gerät gearbeitet, in dem man links und rechts zwei Dosen befestigen kann. Ich experimentiere gerne. Ich glaube auch, dass es für den eigenen Stil wichtig ist, das man einfach macht. Und dass man Fehler zu den Stärken zählt. Grad ‚Fehler‘ in der Kunst sind, glaube ich, das, was einen Künstler eigentlich ausmacht. Ich denke es ist auch wichtig, in welchem Kontext das alles entsteht. Also nicht nur was ich mache, sondern auch wo und wie ich es mache.

Gibt es bei dir Bilder, wo du, nicht mal unbedingt direkt beim Entstehungsprozess, sondern vielleicht auch erst wenn das fertige Werk auf der Wand ist, eine Message mit rüberbringen möchtest?
Nein, das hatte ich noch nie. Ich glaube auch kaum, dass das passiert, weil meine Bilder immer aus dem Bauch heraus entstehen. Aber es gibt extrem viele Bilder, die unterbewusst schon eine Message haben. Seit ich das ganze was ich mache reflektiere, bin ich schon darauf gekommen, dass ich mich viel mit Essen beschäftige. Nicht nur in meiner Kunst. Ich bin ja nicht nur Veganer, ich esse auch sonst nur sehr speziell. Ich glaube, das verarbeite ich einfach damit im Unterbewusstsein, aber ich gehe nie auf ein Bild bewusst zu. Oder auch die Sache mit den Zähnen. Ich hab echt Probleme mit meinen Zähnen und das kommt dann auch irgendwie in meiner Arbeit vor, gerade mit den Gebissen und den Zahnbürsten. Aber das passiert eigentlich alles unterbewusst.

Gibt es zum Schluss eine Frage, die du gerne mal gestellt bekommen würdest?
Das ist jetzt schwierig… Aber doch, es gibt schon eine Frage. Und zwar: „Wenn ich mit einer Firma zusammen ein Produkt auf den Markt bringen könnte, was wäre das?“ Das wäre eine Frage, die würde ich gerne mal beantworten.

Die passt ja jetzt, gerade mit dem Blick in die Zukunft, ganz gut. Welche Firma wäre das denn, mit der du dir eine Kooperation vorstellen könntest und welches Produkt würdest du dann entwerfen?
Ich glaub das wären Unterhosen. Ich bin so ein bisschen ein Cleptomanicx® Fetischist. Das wäre schon so ein kleiner Traum, mit denen mal ne Unterhose mit Würschteln raus zu bringen. Unterhosen wärn der Shit, ich schwör!

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Falls Du liebe*r Leser*inn jetzt neugierig geworden bist und Dir die Kunst mal aus nächster Nähe ansehen möchtest, dann sind auch heute noch, knapp zwei Jahre nachdem dieses Interview entstanden ist, ein paar Werke von HNRX auf dem Gelände der alten Kultfabrik in München zu finden. Also schnapp dir deine Jacke und raus an die frische Luft!

Ich freue mich schon auf den nächsten Brief 🙂

Liebe Grüße,

Deine Lena

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